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 5. Fastensonntag - misereor-Sonntag - Evangelium: Jesus erweckt Lazarus von den Toten auf

5. Fastensonntag 29.3.20„Wenn du hier gewesen wärst, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Ist es ein Vorwurf, den Maria da gegenüber Jesus sagt, oder ein Zeugnis ihres Glaubens. Sie glaubt auf jeden Fall, dass Jesus Lazarus hätte retten können. Auch die Nachbarn des Lazarus fragen sich, warum Jesus ihn nicht gerettet hat. Bei ihnen schwingt der Vorwurf viel deutlicher mit. Warum musste er sterben, wenn Jesus doch sogar einen Blinden wieder sehen ließ? Ist Jesus doch nicht so mächtig? War die Blindenheilung doch ein Trick, eine Lüge? Oder war Jesus einfach zu langsam? Ein blöder Zufall? Oder ist Jesus böse? Ist ihm Lazarus egal gewesen? Oder hatte Jesus Angst nach Judäa zu kommen?
War ihm anderes wichtiger?

Man könnte am Anfang meinen, dass es so ist. Jesus hört, dass Lazarus krank ist. Und er bleibt ganz cool. Diese Krankheit wird nicht zum Tode führen. Und wie die Jünger denkt man sich: ach so, alles nur halb so wild.
Doch Jesus scheint mehr zu wissen: Diese Krankheit dient der Verherrlichung Gottes. Weiß er was alles passieren wird? Auf jeden Fall weiß er nach zwei Tagen, dass Lazarus tot ist. Erst jetzt geht Jesus nach Bethanien. Anscheinend war nicht die Angst vor dem eigenen Tod ein Grund, Lazarus nicht zu helfen. Das macht diese Geschichte nicht unbedingt besser.

Ich habe als Leser langsam das Gefühl: Jesus hat darauf gewartet, dass Lazarus tot ist, damit sein Wunder der Auferweckung besonders spektakulär wird. Warum? Hätte es nicht gereicht einen Todkranken zu heilen? Oder wie bei den anderen Totenerweckungen, einen Toten erwecken, zu dem Jesus erst nach dem Tod gelangen kann? Warum extra warten, bis Lazarus tot ist?
Das ist ähnlich, wie es schon bei der Blindenheilung war. Jesus erklärte schon da: Dieser Mann war sein Leben lang blind, damit sich Gottes Herrlichkeit offenbart.

Gut, kann man sagen, immer noch besser als Sintfluten, zehn Plagen oder die Vernichtung ganzer Völker oder gar der Welt. All das stünde ja in Gottes Macht. Er könnte alles mögliche tun, um den Menschen zu zeigen, dass nicht sie diejenigen sind, die alles in der Hand haben. Aber wie passt dieses Bild des allmächtigen Herrschers, der tut und macht, was ihm gefällt, zu dem Bild des liebenden Gottes, das Jesus sonst beschreibt?

Ja, Gott hat als Schöpfer dieser Welt jedes Recht mit seinen Geschöpfen zu tun und zu lassen, was ihm gefällt. Ja, vielleicht ist das, was geschieht, wie schlimm es auch ist, wirklich das beste, was passieren kann, um die Welt zu bewahren. Ja, vielleicht offenbart sich uns da etwas, lernen wir etwas, an dem was passiert. Wie bei Eltern oder Lehrern, die einem Kind unbequeme Regeln und Verbote auferlegen, die aber wichtig sind. Und ja, man muss zugeben, dass natürlich eine Totenerweckung spektakulärer ist und besser wirkt als „nur“ eine Blindenheilung.

Dennoch fällt es mir schwer, das mit einem liebenden Gott zusammenzubringen, wenn ich bedenke, dass es ja immer einzelne Menschen trifft, die an ihrem Schicksal schwer zu tragen haben. Warum muss gerade dieser einzelne Mensch leiden? Wegen des besseren Effekts? Ernsthaft? Das macht mich schon wütend. Aber auch nachdenklich: kann man uns Menschen vielleicht wirklich nur so überzeugen - mit möglichst großen Effekten? Fällt Gott da nichts Besseres ein?

Es gibt keine befriedigende Lösung für dieses Problem. Wir bekommen keine Antwort auf unsere Frage nach dem Warum.

Und dennoch gibt es da eine Stelle, die mich mit Jesus und Gottes Handeln versöhnt: dieser coole Jesus, der mehr wie Gott und weniger wie ein Mensch rüberkommt, der ist plötzlich selbst erschüttert, der weint selbst. Im Johannesevangelium weint Jesus nicht einmal am Ölberg aus Angst um sich. Und hier weint er um Lazarus. Hier weint er, weil er mitleidet, mit Maria und Marta und den Nachbarn. Egal, wie cool dieser Jesus nach außen auftreten kann, hier sehen wir sein Innerstes, wo er genauso traurig und bewegt ist. Das einzelne Schicksal des Lazarus geht ihm zu Herzen. Egal ist ihm das nicht.

Ich weiß zwar immer noch nicht, warum Gott das Leid zulässt, ich weiß immer noch nicht, warum es ausgerechnet eine Totenauferweckung braucht, um Gottes Herrlichkeit zu zeigen, aber ich weiß, dank Jesus, dass Gott genauso traurig und bewegt ist wie wir, über das einzelne Schicksal eines Menschen.

Ich glaube, dass Gottes Herrlichkeit an Lazarus offenbar werden soll, meint nicht nur, dass sich zeigt wie mächtig Gott ist, sodass er sogar den Tod besiegt. Es wird auch deutlich - und vielleicht ist das so gar wichtiger, wie sehr Gott mit und wegen uns Menschen leiden und trauern kann. Denn gerade hier zeigt sich seine Liebe.

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