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Gedanken zum Sonntag 21.06.20 - 12. Sonntag im Jahreskreis - Mt 10,26-33

„Fürchtet euch nicht!“ Ein ganz schön wichtiger Satz in der Bibel. Man hat so das Gefühl, dass er vor allem dann fallen muss, wenn Engel erscheinen. Als wäre es ihre Standardbegrüßung. Nicht, dass die Menschen nicht trotzdem vor den erscheinenden Engeln erschrecken.

Man merkt schon: „Fürchtet euch nicht!“ Das kann man sagen, aber ob es etwas nützt, das ist so eine Frage. Immerhin: wenn der Engel sagt: „Fürchtet euch nicht!“, dann weiß man wenigstens, dass von ihm keine Gefahr droht. Also kann man vielleicht aufhören, sich zu fürchten. Es droht ja keine Gefahr.

Aber ansonsten hilft mir ein „Fürchte dich nicht!“ wenig, wenn ich Angst habe. Mindestens muss mir jemand erklären, warum ich keine Angst zu haben brauche. Aber ich habe ja meist auch meine Gründe für die Angst, und die muss ich erstmal ausräumen. Und manchmal ist meine Angst doch wirklich berechtigt. Vor allem bei Dingen, bei denen man sich nie sicher sein kann.

Da kann Jesus eigentlich gar nichts bewirken, wenn er „Fürchtet euch nicht!“ sagt. Bei „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ - gut - da kann ich noch mitgehen. Der Alltag wäre gar nicht zu bewältigen, wenn ich ständig vor anderen Angst hätte.

Aber „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten“ - also vor Mördern oder wie soll ich das verstehen? Das ist doch naiv, ja sogar gefährlich. Während Ängste immer wieder hinderlich sein können, so ist Angst doch eigentlich ein guter Hinweis auf Gefahr - und in manchen Fällen sollte man ihr dann auch wirklich nachgeben.

Doch Jesus ruft dazu auf, trotz dieser Angst, die vor Gefahr warnt, sich den Gefahren die von manchen Menschen ausgehen zu stellen. Es gibt nämlich eine Sache, die für ihn wichtiger ist als das unversehrte Leben: die unversehrte Seele. Gefahr für die Seele meint für ihn erstmal, dass man sich aus Angst nicht mehr zu Gott, zu seinem Glauben, bekennt, wenn man für diesen verfolgt wird. Und bis heute ist die Frage immer wieder relevant, auch für mich: stehe ich zu meinem Glauben oder habe ich Angst ihn offen zu leben und auch danach zu handeln?

Den christlichen Glauben offen zu leben, hört ja nicht beim Glaubensbekenntnis auf. Es bedeutet auch sich für andere Menschen einzusetzen, ihnen praktisch zu helfen, aber auch die Stimme gegen Ungerechtigkeit zu erheben. Das ist für uns in Deutschland derzeit recht gut möglich, obwohl es auch hier immer mehr Menschen gibt, vor denen wir uns fürchten müssten. Denken wir nur an Politiker, die durch radikale Gruppen bedroht oder - wie Walter Lübcke - sogar getötet werden. Oder an die Drohungen und medialen Verunglimpfungen gegen Wissenschaftler jetzt in der Corona-Pandemie. Alles Menschen, die nur ihre Arbeit zum Wohle aller machen.

Und da soll ich keine Angst haben?

Ja, auch für mich ist der Gedanke tröstlich, dass Gott sich schon um mich kümmern wird. Ja, auch ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Und doch bleiben Zweifel. Und so bleibt die Angst.

Dennoch, wie lange könnte ich gegen meine Überzeugung weiterleben? Wie lange könnte ich verraten und verleugnen, was mir wichtig ist, woran ich glaube? Könnte ich mich selbst belügen? Könnte ich „meine Seele verkaufen“ - an Menschen, die mir doch eigentlich zuwider sind?

Immer wieder gab es Menschen, die sich nicht von der Angst vor anderen haben unterkriegen lassen, die sich in Gefahr begeben haben, die Gewalt ertragen haben, um sich für eine bessere Welt einzusetzen. Sie waren nicht unbedingt Christen. Aber sie alle eint eine innere Überzeugung, die stärker war als die Angst.

Vielleicht gilt das auch für mich. Ich muss mich ja nicht gleich aktiv in Gefahr begeben. Aber vielleicht gibt es auch in meinem Leben Dinge, die so wichtig sind, dass ich mich ihretwegen nicht von Angst beherrschen lasse und sie verleugne, sondern mich mutig für sie einsetze und zu ihnen stehe.

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