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Gedanken zum Sonntag 16.08.20 - 20. Sonntag im Jahreskreis - Mt 15,21-28

Uiuiui. Was würde wohl die Presse heute titeln, hätte sie diese Szene zwischen Jesus und der kanaanäischen Frau miterlebt?
„Jesus ist Rassist: beschimpft ausländische Frau als Hund!“
„Schon wieder Beleidigungen durch religiösen Eiferer Jesus - Was tut die Politik?“
„Jesus: Israel first!“

Eigentlich will ich es gar nicht glauben, dass Jesus hier eine Frau sowohl religiös, als auch rassistisch diskriminiert, die ihn doch in einer Notlage um Hilfe anfleht. Klar, damals war das ein normales Verhalten. Es ist eigentlich schon ein verwunderliches Entgegenkommen gegenüber der Frau, dass er überhaupt mit ihr redet und sie nicht vertreibt, wie es die Jünger fordern. Eigentlich hätte er als Jude gar nicht mit dieser unreinen Heidin sprechen dürfen. Eigentlich hätte er bei seiner ignorierenden Haltung vom Anfang bleiben müssen.

Das problematische Verhältnis zwischen Juden und Heiden, die starke Abgrenzung des Volkes Israel zu seinen Nachbarn, wird aus der Geschichte heraus verständlich: von seinen Nachbarn hatte Israel bisher viel Leid und Krieg erfahren und jetzt profitieren diese Völker viel stärker von den Römern. Gerade die religiösen Gruppen lehnen zur Zeit Jesu die fremden Völker ab; auch Jesu an hoffen darauf, dass er Israel von ihrer Unterdrückung befreit und wieder zu einem souveränen Staat macht.

Und dann ist es ja wirklich so, dass sich Jesus zuerst einmal zum Volk Israel gesandt sieht. Er ist der Israel verheißene Messias aus dem Haus David. Er will nichts Neues erzählen, keine Verwerfung Israels, keinen neuen Gott, sondern er will die Geschichte Gottes mit Israel weiterführen. Er hat nicht vor eine neue Religion zu gründen, sondern will die bestehende weiterführen.

Die Bitte der kanaanäischen Frau abzulehnen, ist aus jüdischer Sicht nur logisch, auch mit harten Worten. Jesus ist eben gar nicht befugt, Heil an Heiden zu verteilen. Nicht, dass Israel Schaden nimmt. Bis heute ist es ein beliebtes Muster, Diskriminierung so zu rechtfertigen, dass man sagt, man könne gar nicht anders, es sei nicht rechtens dies oder jenes zu tun.

Die Reaktion der Frau ist auch gar nicht so anders, als diejenige heute: sie versucht auf der Sachebene ein Gegenargument zu bringen. Leider funktioniert das normalerweise überhaupt nicht gut, denn wer diskriminiert, will oft gar keine wirkliche Diskussion führen, sondern nur seine Position untermauern.

Aber hier zeigt sich Jesus anders. Er lässt sich auf die Argumentation der Frau ein. Und sie überzeugt ihn. Aber es überzeugt ihn auch ihr Glaube, den sie damit zum Ausdruck bringt, dass sie hartnäckig bleibt. Sie zeigt Jesus nicht nur, dass seine Argumentation Schwächen hat: wenn Überfluss herrscht - und der herrscht bei einem allmächtigen Gott logischerweise -, dann muss man nicht den Kindern etwas wegnehmen, um auch die Hunde satt zu kriegen. Sie zeigt ihm auch, dass sie das hat, worauf es ankommt: Glauben. Deswegen gibt Jesus ihrer Bitte nach.

Der Präzedenzfall ist geschaffen und gleichzeitig sind Gegenargumente ausgeräumt: alle, die nach Jesu Auferstehung auch bei den Heiden missionieren wollen, können sich hierauf berufen. Denn die diskriminierenden Denkmuster werden ihnen weiterhin begegnen.

Ich kann leider nicht darauf hoffen, dass ich Menschen gegenüberstehe, die offen für Argumente sind, wenn ich Diskriminierung erlebe. Aber ich kann mein eigenes Denken und Handeln verändern, denn auch ich diskriminiere ja immer wieder. Das ist nicht schön, aber menschlich, und selbst Jesus tut es.

Das Wichtige ist aber, dass ich mich nicht darauf ausruhe, dass ja selbst Jesus diskriminierende Sache sagt, sondern dass ich mich - wie er - nicht nur dazu bewegen lasse, dass ich guten Argumenten zuhöre und Hinweise auf Fehler in meiner eigenen Argumentation ernst zu nehmen, sondern auch dazu, dass ich aufgrund der Argumente mein Denken und Handeln überdenke und ändere.

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